Der Leverkusener BAYER-Konzern hat im Jahr 2004 wieder einmal prächtige Geschäfte gemacht. BAYER-Chef Werner Wenning und seine Vorstandsriege belohnten sich dafür mit einer kräftigen Aufstockung der Bezüge. Auf wessen Kosten der Konzern und seine Manager sich bereicherten, berichteten VertreterInnen der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN und anderer Initiativen in der Hauptversammlung des Unternehmens.
Das
Misstrauensvotum
Bericht
zu den Protesten auf der BAYER-Hauptversammlung
Stolz
präsentierte BAYER-Chef Werner Wenning in seiner Eröffnungsrede
zur Hauptversammlung die Konzern-Bilanz. Um vier Prozent auf 30
Milliarden stieg der Umsatz; der Gewinn legte sogar um mehr als 50
Prozent auf über zwei Milliarden zu. Grund genug für den
Großen Vorsitzenden, sich sein Salär auf 2,36 Millionen zu
verdoppeln und seine drei Vorstandskollegen mit insgesamt zwei
Millionen zusätzlich zu bedenken. Da mochte auch der
Aufsichtsrat nicht zurückstehen. Er wollte sich von den
AktionärInnen eine Erhöhung des Jahresfixums von 40.000 auf
60.000 Euro bewilligen lassen. Die erfolgsabhängigen Prämien
mitgerechnet, hätten sie dann per anno ca. 90.000 Euro
eingestrichen.
Dem
Rest der Belegschaft kam der Geldsegen nicht zugute. Im Gegenteil:
Drastische Einsparmaßnahmen auf ihrem Rücken sorgten erst
für den exorbitanten Profit. „Unsere Kostenoptimierung
betraf natürlich auch die Personalaufwendungen: Wir konnten
diese seit 2002 um fast zwei Milliarden reduzieren“, vermeldete
Wenning in schamloser Offenheit. Von der Debatte um das
rücksichtslose Gebaren der Global Player zeigte er sich trotzdem
überrascht. Er wandte sich dagegen, „mit populistischen
Vorwürfen und dem Aufwärmen überkommender
Klassenkampf-Theorien einen Streit zu entfachen“. Lieber brach
er selber eine Fehde mit Rot-Grün vom Zaun. „Hierzulande
werden aber Zukunftstechnologien und potenzielle
Arbeitsplatzschmieden wie die Biotechnologie nicht gefördert,
sondern durch Gesetze und Bürokratie behindert. Denken Sie nur
an das Stammzellgesetz oder das Gentechnikgesetz!“, tönte
der Vorstandsvorsitzende.
Andrea Will (DKP) sah sich gezwungen,
ihm in Sachen „Kapitalismus-Kritik“ Nachhilfe-Unterricht
zu erteilen. Sie kritisierte die massive Arbeitsplatzvernichtung und
demonstrierte anhand einer neuen Umfrage, wie wenig überkommen
eine Auseinandersetzung mit der Profitgier von Big Business ist.
Angesichts eines trotz hoher Gewinne unverdrossen fortgeführten
Arbeitsplatzabbaus meinten 95 Prozent der Befragten, die Unternehmen
müssten eine stärkere soziale Verantwortung zeigen. Aber
Werner Wenning gab sich begriffsstutzig und blieb lieber Angehöriger
einer kleinen radikalen Minderheit. „Für mich ist die
gegenwärtige Diskussion schwer verständlich“, so der
Unbelehrbare. Umso besser verstand er sich darauf, den wiederum immer
mehr Menschen immer unverständlicher erscheinenden Sermon vom
Segen der Angebotspolitik herunterzubeten. Wir „müssen
Rahmen setzen, die für die Investoren attraktiv sind“,
forderte er, dann würden „auch alle profitieren“.
Alle
würden profitieren, das hatte der BAYER-Mann auch im vergangenen
Herbst auf der außerordentlichen Hauptversammlung, welche die
Abspaltung der Chemie-Sparte besiegelte, den zu dem neu gegründeten
Unternehmen LANXESS wechselnden Ex-BayeranerInnen versichert. In Köln
war davon nicht mehr die Rede. Unverhohlen verkündete er seinen
ShareholderInnen, welch große Deinvestitionsdividende sie
eingestrichen haben: „Und auch die Börse hat die
Umstrukturierung des Konzerns honoriert. Während der DAX seit
Ankündigung unserer strategischen Neuausrichtung im November um
13 Prozent stieg, konnte der Kurs der BAYER-Aktie im gleichen
Zeitraum um 26 Prozent zulegen“. Entsprechend schlecht stehen
die Aktien für LANXESS und die Beschäftigten. Erst im April
hatte Unternehmenschef Axel Heitmann wieder die Schließung von
zwei Standorten und die Streichung von 1.200 Stellen bekannt
gegeben.
CBG-Vorstand Axel Köhler-Schnura hatte diese
Entwicklung schon auf der erwähnten Lanxess-HV im November
vorhergesehen. Deshalb warf er Wenning vor, ein doppeltes Spiel
gespielt zu haben. „Weshalb erfahren wir die Tatsachen erst
nach der HV? Weshalb täuschen Sie?, fragte Köhler-Schnura.
Angesichts dieses verantwortungslosen Umgangs mit dem Schicksal der
Beschäftigten stellte der CBGler klar: „Es ist nicht
Rot-Grün, das Arbeitsplätze vernichtet. Es sind Sie. Nicht
Rot-Grün betreibt Klassenkampf, es sind Sie, der Klassenkampf
von oben betreibt“.
Darauf fiel dem BAYER-Boss keine Antwort
ein. Er flüchtete in antikommunistische Polemik und stöhnte:
„Seit mehr als 25 Jahren sind sie uns mit ihrer Agitation schon
treu“. Er recycelte in seiner Hilflosigkeit sogar einen Satz,
den ihm seine fleißigen SouffleurInnen hinter der Bühne
schon im letzten Jahr ins Ohr geflüstert hatten: „Uns
trennen Welten - besonders in der Weltanschauung“.
Die
unheilvolle Tradition
Wie weit die unheilvolle Tradition
menschenverachtender Profitjagd bei BAYER zurückreicht, das
bezeugte in Köln Eugen Muszynski mit seiner eigenen
Leidensgeschichte. Zu Beginn seiner Rede deutete der Vorsitzende des
VERBANDES DER IM KINDESALTER INHAFTIERTEN FRÜHEREN HÄFTLINGE
DER NATIONALSOZIALISTISCHEN KONZENTRATIONSLAGER auf das hinter der
Bühne prangende BAYER-Zeichen und erklärte: „Vor 62
Jahren habe ich zum ersten Mal dieses Logo gesehen“. Es befand
sich auf dem Typhus-Präparat B-1034, das MedizinerInnen im
Auftrag des Leverkusener Pharma-Riesen an den Inhaftierten
ausprobierten, nachdem sie ihre Opfer mit dem entsprechenden
Krankheitserreger infiziert hatten. Zwei Spritzen erhielt der damals
7-Jährige, eine dritte hätte er nach eigenem Bekunden nicht
überlebt. Noch jetzt leidet Eugen Muszynski an den Spätfolgen
der KZ-Zeit und ist zu 100 Prozent schwerbehindert. Und während
seine Peiniger ihre Karrieren in der Nachkriegszeit zumeist rasch
fortsetzen konnten, muss er von 600 Euro Rente leben. Da halfen ihm
die vom Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft für
sein dreijähriges Martyrium in Auschwitz zugesprochenen 7.500
Euro nicht viel weiter - als blanken Hohn bezeichnet Muszynski diese
Summe. Deshalb erkundigte er sich auch im Namen seiner
Leidensgenossen, die sich oft in einer ähnlich prekären
sozialen Lage befinden: „Was können wir als Opfer erwarten
vom Konzern?“. Diese Frage hatte er dem Unternehmen bereits
mehrfach in Briefform gestellt und bekam darauf in Köln ebenso
wenig eine befriedigende Antwort wie früher.
Weil sich das
Grauen der Konzentrationslager nur schwer in Worte fassen lässt,
hielt Eugen Muszynski zum Schluss schweigend ein Foto hoch, das vier
bis auf die Knochen abgemagerte KZ-Insassen zeigte. Beklommende
Stille breitete sich unter den mehr als 4.000 AktionärInnen aus.
Ein Fall für die Saal-Regie. Zunächst fuhren die Kameras,
welche die RednerInnen filmten und sie im Großformat auf den
beiden links und rechts des Podiums angebrachten Videoleinwänden
zeigten, noch auf Muszynski zu, um das Foto größer ins
Bild zu bekommen. Als den TechnikerInnen aber gewahr wurde, was sich
ihnen da vor der Linse an Grauen präsentierte, spielten sie
sofort unverfänglichere Aufnahmen ein. Trotzdem dauerte es eine
ganze Weile, ehe der Versammlungsleiter Manfred Schneider es wagte,
wieder zur Tagesordnung überzugehen. Auch Werner Wenning sah
sich später in seiner Antwort auf den Beitrag zunächst
gezwungen, zu einem anderen Ton als dem zu greifen, mit dem er sonst
die Konzern-KritikerInnen abzufertigen pflegte. „Erlauben Sie
mir ein paar persönliche Bemerkungen“, hob er an, „Ich
bedauere ihr persönliches Schicksal sehr. Niemand kann ermessen,
wie prägend die Erlebnisse gewesen sein mögen“. Nach
dieser routiniert-leutselig absolvierten Pflichtübung zeigte der
BAYER-Chef aber einen noch unverantwortlicheren Umgang mit der
Unternehmensgeschichte als seine Vorgänger. Er stellte nicht nur
klar, BAYER sei mit den IG FARBEN nicht gleichzusetzen und kein
Rechtsnachfolger des Mörder-Konzerns, er leugnete mit dem
Verweis auf die Freisprüche im Nürnberger
Kriegsverbrecherprozess auch noch die Schuld der in Menschenversuche
verwickelten BAYER-Pharmakologen. Die RichterInnen setzten damals
viele Angeklagten auf freien Fuß, weil im Zuge des Kalten
Krieges mit der Sowjetunion ein neuer Feind am Horizont erschienen
war und damit plötzlich Milde gegenüber den alten Bösen
opportun wurde. Wenning zitierte aus dem Urteil: „Die Annahme,
dass die Angeklagten mit den SS-Ärzten, die diese
verbrecherischen Handlungen begingen, unter der Decke gesteckt haben,
wird durch die Tatsache widerlegt, dass die I. G. die Versendung der
Medikamente eingestellt hat, sobald der Verdacht eines gesetz- und
standeswidrigen Verhaltens der Ärzte auftauchte“. „Eine
Feststellung“, kommentierte der Publizist Ernst Klee in seinem
Buch „Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer“, „die
den in Nürnberg vorliegenden (...) Dokumenten widerspricht: Die
Versendung der Präparate endete bei
Kriegsende“.
Kinderarbeit
Zu den traurigsten
aktuellen Kapiteln im „Schwarzbuch BAYER“ gehört das
über die Kinderarbeit bei den Zulieferern der indischen
Saatgut-Tochter PROAGRO. Über 1.500 Minderjährige leisten
derzeit Frondienste auf den Feldern, berichtete Manfred Belle vom
EINE-WELT-NETZWERK NRW und kritisierte: „Verantwortung kann
nicht am Fabriktor enden“. Bereits seit zwei Jahren versichert
der Leverkusener Multi, seine Geschäftspolitik ändern zu
wollen. Geschehen ist bisher allerdings nichts. Deshalb wirft der
neue Anlauf, den das Unternehmen nun mit seinem „Aktionsplan“
startet, für Belle auch einige Fragen auf. Der Konzern
beabsichtigt, sich - wegen der angeblich unübersichtlichen Lage
auf dem Kinderarbeitsmarkt - auf einige wenige Dörfer zu
konzentrieren und den dortigen FarmerInnen Bonuszahlungen für
den Verzicht auf die Beschäftigung von Nicht-Volljährigen
in Aussicht zu stellen. Zudem plant der Agro-Riese ein Programm zur
Förderung der Schulbesuche. Ob es sich dabei um Potemkinische
Dörfer handelt, bloße Vorzeigeprojekte, die den Blick auf
die ansonsten weiterhin flächendeckend betriebene Ausbeutung von
Kindern verstellen soll oder ob von den Mustersiedlungen wirklich
eine Signalwirkung ausgehen wird, bleibt fraglich. Manfred Belle
machte die Erfolgsaussichten in seiner Rede von ganz konkreten
Bedingungen abhängig: „Reichen die Bonus-Zahlungen aus?“,
gab er etwa zu Bedenken. Darüber hinaus nannte er höhere
Saatgut-Abnahmepreise sowie das Garantieren von Mindestlöhnen
für Erwachsene als conditio sine qua non für das Gelingen
des Aktionsplans. Zudem forderte er BAYER auf, eine wirksame
Überprüfung des Erreichten zu ermöglichen. In seiner
Antwort sagte Werner Wenning zu, unabhängigen BeobachterInnen
künftig die Namen der Orte zu nennen und die bisher praktizierte
Verweigerungshaltung aufzugeben. In Sachen „Preise“ blieb
er allerding unnachgiebig und behauptete, BAYER zahle bereits „faire
Abnahmepreise, die zur Entlohnung erwachsener Arbeit gedacht waren“.
Desweiteren besaß er die Dreistigkeit, den Konzern als einen
Entwicklungshilfe betreibenden „Vorkämpfer“ gegen
die Ausbeutung von Kindern darzustellen. Die Ursachen für diese
sah der Vorstandsvorsitzende nämlich nicht in der
kapitalistischen Weltwirtschaft und der Abhängigkeit der
„Dritten Welt“ von der „Ersten Welt“, sondern
in der kulturellen Eigenart des Landes. Die Kinderarbeit sei ein
„tief in der indischen Gesellschaft verwurzeltes System“,
dozierte der Hobby-Kulturwissenschaftler. Aus solchem Denken dürfte
nur schwerlich das „Verantwortliche Handeln“ erwachsen,
das der Konzern in seinen Hochglanz-Broschüren so gerne für
sich in Anspruch nimmt.
Verbrechen ...
Kriminelles
Handeln fällt dem Konzern da leichter. Ralf-Jochen Ehresmann von
der PDS schlug vor den AktionärInnen die „Akte BAYER“
auf. Mit vier Verfahren wegen illegaler Preisabsprachen bei
Kunststoffen und Diagnose-Geräten war diese auch im
Geschäftsjahr 2004 wieder gut gefüllt. Über 100
Millionen Dollar Strafe musste das Unternehmen dafür zahlen.
Wenning zeigte sich Ehresmann gegenüber geläutert: Der
Vorstand bedauere die Rechtsverstöße ausdrücklich und
habe die verantwortlichen Mitarbeiter entlassen. Trotz der
Reumütigkeit und des Bauernopfers stehen die
Resozialisierungschancen aber nicht allzu gut - das Strafregister in
Sachen „Kartell-Bildungen“ ist mittlerweile einfach zu
lang.
Mit anderen Gesetzen steht der Multi ebenfalls auf
Kriegsfuß. So opponiert er bereits seit Jahren gegen die REACH
genannte Chemikalien-Verordnung der EU, welche die Unternehmen zur
Überprüfung vorher nie auf ihre gesundheitsschädliche
Wirkung hin untersuchter Substanzen verpflichten will. Was „Die
Chemie - das unbekannte Wesen“ im Alltag so alles anrichtet,
schilderte Daniela Rosche von WOMEN IN EUROPE FÜR A COMMON
FUTURE (WECF): Lösemittel beeinträchtigen die kognitive
Entwicklung von Kleinkindern, Weichmacher wirbeln das Hormonsystem
von Menschen und Tieren durcheinander, Zusatzstoffe in Lebensmitteln
lösen Allergien aus, Plaste & Elaste in Autoinnenräumen
verursachen Kopfschmerzen und Augenbeschwerden. In REACH sieht Rosche
die einmalige Chance, solche „Nebenwirkungen“ zukünftig
auszuschließen. Der „enorme Druck“, den BAYER &
Co. entfalteten, um die Vorlage mehr und mehr aufzuweichen, empörte
sie deshalb maßlos. „Warum setzen Sie sich gegen
Fortschritte ein?“, wollte sie vom Vorstandsvorsitzenden wissen
und „Ist ihnen die Gesundheit ihrer Familie und ihrer
Mitarbeiter egal?“
Auf die erste Frage – aber auch
nur auf diese - gab Wenning eine klare Antwort: Weil REACH die
gesamte Industrie belastet und nicht dazu geeignet ist, das
Bruttosozialprodukt zu steigern. Er entwarf ein Horrorszenario,
prophezeite das Aus für Teile des Sortiments und sprach von
einer „Innovationsbehinderung“ durch die
Chemikalien-Verordnung. „Das System muss extrem vereinfacht
werden, wenn nicht weitere Standort-Nachteile entstehen sollen“,
forderte er. Der Konzern-Boss versteht das ganze Aufheben sowieso
nicht, denn für ihn stimmt die Chemie. „Die BAYER-Produkte
haben ein größtmögliches Maß an Sicherheit“,
bekräftigte er.
... und andere Kleinigkeiten
Wie
ungenügend dieses „größtmögliche Maß
an Sicherheit“ sein kann, führte der Imker Fridolin Brandt
den HV-BesucherInnen anhand seiner Berufspraxis vor Augen. Er verlor
zahlreiche Bienenvölker, weil sie auf Sonnenblumen-Feldern
Pollen und Blütenstaub sammelten, welche die LandwirtInnen mit
dem BAYER-Gift GAUCHO eingedeckt hatten. „Die Geschäftserfolge
gehen zu Lasten der Umwelt“, resümierte der Vize-Präsident
des EUROPÄISCHEN IMKERBUNDES deshalb. Das sah der Konzern
anders: Er gab der angeblich unprofessionellen Arbeit der
BienenzüchterInnen die Schuld am Desaster.
Obwohl das
französische Landwirtschaftsministerium die Ausbringung des
Saatgutbehandlungsmittels nicht nur auf Sonnenblumen-Pflanzungen
wegen seiner Bienengefährlichkeit längst verboten hat,
leugnete der BAYER-Boss diesen Zusammenhang in seiner Antwort auf die
„Brandrede“ immer noch und zauberte stattdessen
zusätzliche Alternativ-Erklärungen aus dem Hut. Er zitierte
eine ominöse Entlastungsstudie in Sachen „GAUCHO“
herbei, präsentierte mit einer Milbe einen weiteren
Tatverdächtigen für den Tod der Bienen und sprach
desweiteren von „vielschichtigen Ursachen“. Werner
Wenning betätigte sich de facto als Nebelwerfer, warf sich aber
in die Pose des Aufklärers, der gemeinsam mit den Imkerverbänden
- zufälligerweise nicht mit dem EUROPÄISCHEN IMKERBUND -
der Wahrheit auf die Spur kommen will. „Sie sehen Herr Brandt,
es wird viel unternommen, um die wahren Gründe zu erforschen“,
versicherte er in jovialem Ton.
Eine weitere Rednerin nahm sich
des Schicksals derjenigen Tiere an, die zu Tausenden in den
BAYER-Laboren sterben. „Ich sage ihnen, wenn Sie Leben töten
müssen, um Leben zu erhalten, wird nichts dabei herauskommen“,
beschwor sie den Vorstandsvorsitzenden. Darüber hinaus brachte
die Aktivistin vom EINE-WELT-NETZWERK NRW Einwände aus
wissenschaftlicher Sicht gegen die am „Tiermodell“
gewonnenen Erkenntnisse vor; viele ForscherInnen äußern
nämlich Zweifel an deren Übertragbarkeit auf den Menschen.
Der BAYER-Chef machte es sich in seiner Reaktion auf die Kritik
leicht. Der Gesetzgeber schreibe Tierversuche vor, ansonsten führe
der Konzern seine Experimente mit „Verantwortung auch für
das Tier als Mitgeschöpf“ durch, so seine knappe
Replik.
Sorglose Entsorgung
Tod am Anfang der
Produkt-Entwicklung, Tod durch das Erzeugnis selber - und noch
das Ende der Produktionskette hat es in sich. Es bleibt dabei nämlich
eine Vielzahl giftiger Substanzen übrig. Jahrzehntelang hat der
Multi sie einfach sorglos auf dem Dhünnaue-Areal entsorgt, bis
es zur größten Giftmüll-Deponie Europas heranwuchs.
Hunderttausende Tonnen gefährlicher Stoffe von Schwermetallen
bis zu Chromverbindungen lagerten dort schließlich. Über
die Folgen berichtete Hubert Ostendorf vom Vorstand der CBG: Im
Umkreis des Geländes stiegen die Krebsraten exorbitant an. Erst
nach massiven Druck der CBG und anderer Organisationen erkannte BAYER
Handlungsbedarf - jedenfalls ein bisschen. Der Konzern nahm nämlich
keine Sanierung vor, er entschloss sich zu der billigeren und
ökologisch fragwürdigeren Variante einer bloßen
Sicherung. So umgeben nun nach oben und zu den Seiten hin Betonwände
die Altlast. Aber nach unten hin ist alles offen, was die Deponie
buchstäblich zu einem Fass ohne Boden macht. Wie Ostendorf
ausführte, muss der Agro-Riese deshalb stündlich 750
Kubikmeter verseuchtes Wasser abpumpen und im werkseigenen Klärwerk
reinigen. Da tat eine kosmetische Operation not: BAYER und die Stadt
Leverkusen kamen überein, auf dem Gelände die
Landesgartenschau auszurichten. „Gras über den Skandal
wachsen“ lassen, nannte der CBGler das treffend. Er forderte
eine vollständige Sanierung der Dhünnaue auf Kosten des
Konzerns und trat für die Errichtung eines Gedenksteins für
die Gift-Opfer ein. „Die LAGA hat nur dann eine Berechtigung,
wenn sie an den Giftmüll erinnert“, sagte Hubert Ostendorf
am Ende seiner Rede.
Da stimmte Werner Wenning nicht mit ihm
überein. „Das Sicherheitskonzept ist abgestimmt“,
verkündete er und pries die Gartenkunst am Giftmüll. „Wir
sind stolz darauf, dass die Stadt Leverkusen auf dem Gelände der
ehemaligen Deponie eine Landesgartenschau veranstaltet“, sprach
der Ober-BAYER.
Von Südafrika bis Ohio - Fatal
global
CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes unternahm
es in seinem Beitrag schließlich, die Anliegen derjenigen gegen
die Unternehmenspolitik aktiv gewordenen Gruppen zu vertreten, die
nicht nach Köln reisen konnten. Im Namen der US-Sektion des
PESTIZID-AKTIONS-NETZWERKES (PAN), die das von der
Weltgesundheitsorganisation WHO in die höchste Gefahrenklasse
eingeordnete Pestizid LINDAN in den Mittelpunkt einer Kampagne
stellte, fragte Mimkes: „Will BAYER die LINDAN-Zulassung
zurückziehen?“. Als „traurige Ironie“
bezeichnete er es, dass das durch den Holzgifte-Skandal mit seinen
unzähligen Opfern berühmt-berüchtige Mittel sich seit
dem Erwerb der US-Firma GUSTAFSON wieder im Sortiment von BAYER
befindet. Wenning antwortete, der Konzern habe über die Zukunft
der Agrochemikalie noch nicht entschieden, ließ aber nichts auf
LINDAN kommen, es bestehe „keine Gefahr für Mensch und
Umwelt bei sicherer Anwendung“.
„Keine Gefahr für
Anwohner und Öffentlichkeit“ geht ihm zufolge auch von dem
im südafrikanischen Durban gelegenen Werk aus, obwohl die
Mess-Daten eine Besorgnis erregende Belastung mit Chrom im Umkreis
der Niederlassung ausweisen. Die Behörden mussten die Menschen
sogar eindringlich davor warnen, das Wasser aus den Brunnen in
BAYER-Nähe zum Trinken oder Kochen zu nutzen. Laut Werner
Wennings Ferndiagnose waren sie aber „zu keinem Zeitpunkt einer
gesundheitsgefährdenden Konzentration ausgesetzt“.
Die
von Philipp Mimkes zur Sprache gebrachten Störfalle bei der
Firmen-Niederlassung in Addyston - die CBG-Kooperationspartner vor
Ort zählten 107 Störfälle im Jahr - rangen dem
Vorstandsvorsitzenden immerhin das Zugeständnis ab, die „hohen
Sicherheitsstandards weiter optimieren“ zu wollen.
Würde
sich ein solcher Unfall in der BAYER-Anlage bei Institute/USA
ereignen, so wäre eine Katastrophe zu befürchten. Dort
lagert mit Methyl Isocyanat (MIC) nämlich die Chemikalie, die
das Unglück von Bhopal ausgelöst hat. Im Falle einer
Freisetzung sieht die US-Umweltbehörde EPA das Leben von 300.000
Menschen gefährdet. Dieses „worst case scenario“ hat
die Bürgerinitiative PEOPLE CONCERNED ABOUT MIC auf den Plan
gerufen. Stellvertretend für die Gruppe wandte sich der
CBG-Geschäftsführer an den Vorstand und erkundigte sich
danach, warum der Konzern solch hoch gefährliche Stoffe
überhaupt lagert, statt auf eine Produktionsweise umzustellen,
die ohne eine solche Vorratshaltung auskommt. Werner Wenning ging
darauf nicht ein. Zwischen MIC und MIC „eine Verbindung
herzustellen, ist abwegig“, meinte er, weil es sich um
verschiedene Anlagen-Typen handele.
Beschränkte sich der
Vorstandsvorsitzende in Köln darauf, knappe, ausweichende oder
beschwichtigende Antworten zu geben, so reagierte er auf einen im
Januar von der COORDINATION verfassten Offenen Brief überhaupt
nicht. Die CBG bat darin um Angaben darüber, wieviele
BAYER-Bedienstete Mandate in politischen Gremien von Stadträten
über Kreis- und Landtage bis hin zum Bundestag wahrnehmen und
sich nach dem Motto „Wes‘ Brot ich ess, des Lied ich
sing“ politisch engagieren. Mimkes fragte noch einmal nach,
warum der Konzern trotz seiner immer wieder signalisierten
Dialog-Bereitschaft eine Erwiderung schuldig blieb und forderte
Wenning auf, nun auf der Hauptversammlung die konkrete Zahl zu
nennen. Der Große Vorsitzende tat es nicht und begründete
die Blockadehaltung damit, die CBG sei nicht an einem „konstruktiven
Dialog“ interessiert, würde nur nach Anhaltspunkten für
eine Kampagne suchen und dann „Agitation pur“
betreiben.
26 Millionen gegen BAYER
Als „Agitation
pur“ empfanden viele AktionärInnen die Gegenreden von
Philipp Mimkes und den neun anderen Konzern-KritikerInnen jedoch
offenbar nicht. Bei der abschließenden Abstimmung über die
Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat machten sie nämlich mit
einem Misstrauensvotum auf sich aufmerksam. BesitzerInnen von über
26 Millionen BAYER-Papieren stimmten gegen die Erhöhung der
Aufsichtsratsbezüge - ca. 10 Prozent! - und HalterInnen von 3,8
Millionen Aktien enthielten sich bei diesem Tagesordnungspunkt. Ein
solches Ergebnis überrascht umso mehr, als die Großbanken
einen Großteil der Stimmrechte wahrnehmen und so bisher immer
für Zustimmungsquoten von 99 Prozent plus X gesorgt hatten. Nun
hatten Wenning und Co. die angeblich so unverständliche
Diskussion um die Umtriebe des Kapitals einmal in der Sprache
präsentiert bekommen, die sie blendend verstehen: die der
Zahlen. Und das stimmt optimistisch für die weitere
konzern-kritische Arbeit.
Von Udo Hörster
Coordination gegen BAYER-Gefahren
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