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Sonderheft 19: Kosmetik 1996

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Sonderheft 19: Kosmetik 1996
Mottenschutzmittel
Löchrige Klamotten wurmen      

Der Feind im Kleiderschrank - das sind nicht nur die Larven der Kleidermotten, die sich an hochwertigen Wollfasern gütlich tun, sondern oft auch die Papiere, Kugeln und Sprays, mit denen der ungeliebten Falterbrut zu Leibe gerückt wird.

Immer wieder muß Helga Sieg Ratsuchende enttäuschen, die mit löchrigen Textilien zur Schieds- und Schlichtungsstelle der Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen kommen. Kein Anspruch an die chemische Reinigung, lautet häufig das Urteil der Textilingenieurin nach einem bohrenden Blick auf ruinierte Mäntel und Pullis. Die Klamotten haben schlicht die Motten.
Die Suche nach den Mini-Nagern im Kleiderschrank gestaltet sich nicht leicht. Die Eier der Tineola biselliella, wie die Kleidermotte heißt, sind höchstens einen halben Millimeter groß. Nach etwa zwei Wochen schlüpfen daraus die gelblichen Larven, die sofort an die Arbeit gehen. Feine Wollsachen und Pelze haben sie zum Fressen gern, Baumwolle und Synthetiks akzeptieren sie höchstens zum Bau ihrer Puppenhäuser.
Die Schäden nehmen beachtliche Ausmaße an, zumal die Larven Geschmack beweisen. Sie machen sich zuerst über die feinsten Gewebe her - und das mit großem Appetit: Die Nachkommenschaft eines einzigen Weibchens kann in einem Jahr mehrere Kilo Wolle oder Pelzhaare vertilgen.
Und die Bedingungen scheinen günstiger zu werden. Nicht nur Helga Sieg hat den Eindruck, daß die Mottenplage zunimmt. Milde Winter und ganzjährig kuschlig warme Stuben begünstigen die Brut. Die chemische Industrie jedenfalls legte beim Absatz ihrer Mottenmittel im Einzelhandel laut einer Statistik des Marktforschungsunternehmens Nielsen enorm zu: Gegenüber dem Vorjahr schnellte der Umsatz 1994 um 8,5 Millionen Mark auf 27,7 Millionen hoch.
Die Hersteller können in ihre Mottenschutzmittel alle Giftstoffe packen, die nicht ausdrücklich verboten sind. Dank fehlender Zulassungspflicht müssen sie weder nachweisen, daß ihr Produkt wirkt, noch, daß es für Mensch und Umwelt verträglich ist. Dieser Spielraum wird weidlich ausgenutzt, wie unser Test zeigt: In 14 der 44 beurteilten Produkte wirken gesundheitsschädliche Stoffe, Pyrethroide etwa. Eiern, Larven und Motten wird mit den synthetischen Stoffen zwar der Garaus gemacht, doch können sich die chemischen Keulen auch als Bumerang gegen ihre Anwender erweisen.
Doch es gibt durchaus Alternativen zu den Killern aus dem Labor: Die von uns untersuchten ätherischen Öle sowie die aromatischen Zedernholz-Produkte und Klebstoff-Fallen können wir - wenn zum Teil auch nur mit Einschränkung - empfehlen.
Das oft eingesetzte Lavendel- und Nelkenöl sowie Citral und Citronellöl haben sich in Studien des Instituts für Vorratsschutz bei der Biologischen Bundesanstalt als abschreckende Mittel bewährt. Sie verhindern etwa 80 Prozent des Befalls.
Verschiedenen Untersuchungen zufolge hat Zedernholz nicht nur eine abwehrende Wirkung, sondern läßt auch einen Großteil der Larven sterben. Es wird vermutet, daß ihnen der Duft den Appetit verdirbt und sie verhungern. Der starke, harzige Duft von Zirbelkiefer könnte ähnlich wirken.
Klebefänger sollen dagegen durch Sexual-Lockstoffe die männlichen Falter anziehen, dadurch eine Befruchtung der weiblichen Insekten verhindern und damit die Mottenpopulation reduzieren helfen. Davon ist Werner Raßmann, Diplom-Biologe am Institut für Vorratschutz, wenig überzeugt. Da die Befruchtung offenbar häufig vor dem Fang stattfindet und die Population sich weiter vermehrt, seien die klebrigen Fänger wohl vor allem dazu geeignet, den Befall zu kontrollieren. Obwohl die Diskussion um die Schädlichkeit der Pyrethroide seit Jahren immer heftiger geführt wird, rüsten Hersteller Mottenschutzmittel weiterhin mit den Nervengiften aus, die auch in vielen anderen Insektiziden, Teppichböden und Holzschutzmitteln wirken. Bayer setzt in Baygon-Mottenpapier jetzt statt Chlorpyrifos ein neues Pyrethroid namens Transfluthrin ein. Angeblich braucht man davon weniger. Doch längst ist klar, daß die wesentlich langlebigeren und wirksameren Nachbauten des Naturgiftes Pyrethrum akute Vergiftungen auflösen können.
Heftig debattiert werden indes seit Jahren mögliche Langzeitfolgen, insbesondere durch die dauernde Aufnahme von Pyrethroid-Rückständen mit der Atemluft. Geschädigte klagen über Konzentrations- und Sprachschwierigkeiten, Antriebslosigkeit und Müdigkeit bis hin zur Invalidität.
Das Umweltbundesamt (UBA) in Berlin hat im Mai 1994 davor gewarnt, daheim auf eigene Faust pyrethroidhaltige Insektizide anzuwenden. Die Wirkstoffe könnten beim Menschen nicht nur bereits in geringen Konzentrationen zu vorübergehenden Gesundheitsstörungen führen, sondern sich auch auf Möbeln und im Hausstaub ablagern und so wegen ihrer Langlebigkeit für eine "nachhaltige Belastung der Wohnräume sorgen".
Inzwischen hat das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz (BgVV) den Zwischenbericht zu einer Untersuchung über chronische Schäden durch Pyrethroid-Einsatz herausgegeben. Die Schlußfolgerung dieses Amtes klingt nach Entwarnung: "Die vorliegenden Ergebnisse ergeben insgesamt keine Hinweise für eine langzeitige Erkrankung des peripheren und/oder zentralen Nervensystems durch Pyrethroide."
Das Resümee verwundert, denn immerhin kann für sechs von 23 untersuchten Patienten ein Zusammenhang zwischen den gesundheitlichen Beschwerden und dem Kontakt mit Pyrethroiden "als wahrscheinlich angenommen werden". Zudem wurde in acht Fällen eine vielfache Chemikalien-Überempfindlichkeit, kurz: MCS-Syndrom, diagnostiziert.
Studienleiter Professor Holger Altenkirch, Neurologe am Krankenhaus Berlin-Spandau, vermutet auch in sieben dieser acht Fälle einen Zusammenhang zwischen der MCS-Erkrankung und dem Pyrethroid-Einsatz. Er nimmt an, daß das Nervengift die Chemikalien-Überempfindlichkeit überhaupt erst ausgelöst hat.
Hinweise für langzeitige Erkrankungen des Nervensystems habe er indes nicht gefunden, stellt Altenkirch fest. Dennoch will der Neurologe auch nach der Studie "nicht endgültig sagen, daß Pyrethroid-Expositionen keine Langzeitfolgen haben".
Von Gefahren durch Pyrethroide will jedoch zum Beispiel die in unserem Test vertretene Firma Globol nichts wissen. Sie läßt verlauten: "Wenn Pyrethroide sachgemäß angewandt werden, sind sie absolut unbedenklich." Dazu reichte Globol einen ganzen Stapel entsprechender Forschungsberichte ein. Einer davon stützt sich auf die Aussagen des Toxikologen Dr. Thomas Wolff vom GSF-Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit Neuherberg. Tatsächlich ist er überzeugt: "Die Spätwirkungen von Pyrethroiden sind ein Phantom." Über Staub aufgenommene Pyrethroid-Rückstände lägen bei häuslichen Anwendungen garantiert unter dem von der Weltgesundheitsorganisation festgesetzten Aufnahmewert. Der aber, so sagt Diplom-Chemiker Gerd Schneider von der Interessengemeinschaft für Holzschutzmittelgeschädigte, bemesse sich an der Aufnahme durch den Mund. Tatsächlich würden so in den Körper eingeschleuste Pyrethroide schnell wieder ausgeschieden. Ganz anders verhalte es sich mit eingeatmeten, an Staub gebundenen Giften: Die gelangten direkt über den Blutkreislauf in Nieren, Herz und Gehirn und könnten dementsprechend nachhaltig wirken.

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